Cap Arcona 2018 — Flex­Pro­jekt zu Ehren Hen­ryk Francuz

Diese Seite ist das Ergeb­nis unse­res Cap Arcona Flex-Projekte 2018, bei dem sich 15 Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter Anlei­tung des His­to­ri­kers Tho­mas Käper­nick mit der Lebens­ge­schichte eines Über­le­ben­den der Cap Arcona Kata­stro­phe beschäf­tigt haben. Ziel war es, dem im letz­ten Jahr Ver­stor­be­nen Hen­ryk Fran­cuz ein klei­nes “Denk­mal” zu set­zen. Neben der Recherche-Arbeit, deren Ergeb­nis fol­gen­der Text ist, hat die Gruppe auf der Grund­lage von Zita­ten aus Fran­cuz’ Lebens­be­richt auch gestal­te­risch gear­bei­tet. Die Ergeb­nisse kön­nen neben eini­gen Bil­dern vom Pro­jek­t­ab­lauf wei­ter unten betrach­tet werden.

Beson­ders schön ist, dass die Pro­jekt­gruppe über Herrn Käper­nick zum Abschluss noch den Sohn des Ver­stor­be­nen via E-Mail kon­tak­tie­ren und von ihrem Vor­ha­ben und den Ergeb­nis­sen infor­mie­ren konnte. Dies ist seine Antwort:

Hello Tho­mas, I am very touch my father was a very spe­cial man, I’m with tears that someone remem­bers his jour­ney of life. The war for my father did not stop when he was libe­ra­ted. Ever­y­day he fought his own demons and I as a child was part of it. I thank you so much for making my fathers name known. Thank the child­ren who are doing there works on the holo­caust, they must know that a per­son lives and dies but he has a name. My father was very dear to me. My flesh and blood. I respect your work very much. I want to add that Ger­many suf­fe­red very much and I respect the people. […]

Sin­ce­rely yours

Michael Adam Francuz

Hen­ryk Francuz

I did not have a happy childhood during the time shortly before my father died and afterwards.“

KGN151

Hen­ryk sitzt in der Mitte der unte­ren Reihe.

Hen­ryk Fran­cuz wurde am 16. Februar 1925 in Lodz, Polen, gebo­ren. Seine leib­li­che Mut­ter ver­starb 1928, als er drei Jahre alt war, sein Vater zwei Jahre vor dem Krieg im Dezem­ber 1937, wäh­rend er noch zwölf war. Seine Stief­mut­ter und ihre Fami­lie präg­ten vor allem seine Kind­heit. Er wusste bis zu sei­nem neun­ten Lebens­jahr nicht, dass sie seine Stief­mut­ter war.

Vom Kin­der­gar­ten bis zur sieb­ten Klasse ging er zu einer hebräi­schen Schule. In sei­ner Frei­zeit war er aktiv in meh­re­ren zio­nis­ti­schen Jugend­grup­pen tätig, beschreibt sich aber ins­ge­samt als unpo­li­ti­schen Men­schen, der nicht wusste, was „im Land geschah oder im Osten vor sich ging.“

Er sprach zwei Spra­chen – Hebrä­isch und Pol­nisch, aller­dings nicht Yid­dish, was zu Pro­ble­men führte, als er 1939 ins Ghetto kam, da er sich dort nach eige­nen Anga­ben nicht mit den ande­ren aus­tau­schen konnte.

I was not a poli­ti­cal animal.“

Die Schwes­tern sei­ner Stief­mut­ter nah­men ihn bei sich auf. Die eine war Zahn­ärz­tin, der zwei­ten gehörte eine Biblio­thek. Er selbst machte eine Aus­bil­dung zum Elektriker. Stroop Report 2/4 Record Group 038 United States Counsel for the Prosecution of Axis Criminality; United States Exhibits, 1933-46 HMS Asset Id: HF1-88454435 ReDiscovery Number: 06315

Ins Ghetto ging er, nach­dem in sei­nem Vier­tel nachts regel­mä­ßig und will­kür­lich Men­schen ermor­det wor­den waren. Im Ghetto selbst übten seine Tan­ten ihre Berufe wei­ter aus, wäh­rend er in Fabri­ken oder Bäcke­reien elek­tri­sche Anla­gen reparierte.

The most famous Aktion was the Sperre”

Die Zustände im Ghetto ver­schlech­ter­ten sich zuneh­mend. Krank­heit, Kälte und Hun­ger wur­den all­ge­gen­wär­tig, die Men­schen wur­den von der Außen­welt voll­kom­men iso­liert, die ein­zigeLodz Vierteln Infor­ma­ti­ons­quel­len waren wenige Radios und Zeitungen.

Als beson­ders dras­tisch emp­fand Hen­ryk Fran­cuz die so genann­ten „Sper­ren“, Aktio­nen der SS, bei denen schwa­che und kranke Men­schen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger depor­tiert wur­den: „The most famous Aktion was the Sperre, which las­ted more than a week — ten days. The term Sperre means blo­ckade. One could not go out in the streets and the Ger­mans would go with the Jewish police and they would fill the daily quota with weak and sick people. My step mother was taken during the Sperre.“

The dif­fe­rence was, that des­pite all the hun­ger and cold, here in the camp you where wit­hout family. It was a dif­fe­rent planet.”

Um nicht Ziel der regKGN154elmä­ßi­gen Depor­ta­tio­nen zu wer­den, ver­steckte sich Hen­ryk Fran­cuz mit ande­ren im Ghetto. Bei der end­gül­ti­gen Räu­mung des Ghet­tos wurde jedoch auch er ent­deckt und in einem Zug nach Maris­hin und spä­ter in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz ver­schleppt. Fran­cuz ver­suchte aus einem der klei­nen Wagons, in die jeweils 40–50 Men­schen gepfercht wor­den waren, zu ent­kom­men, doch er war auf die Hilfe ande­rer Gefan­ge­ner ange­wie­sen, die jedoch Angst vor den Deut­schen hat­ten und das Risiko erwischt zu wer­den nicht ein­ge­hen wollten.

Als sie im „Camp“ – Ausch­witz Bir­kenau – anka­men, wurde Fran­cuz bei der Selek­tion für arbeits­fä­hig befun­den und im fol­gen­den auf ernied­ri­gende Weise kom­plett rasiert, des­in­fi­ziert, geduscht und in die Häft­lings­uni­form geklei­det, die er als „Clowns­kos­tüm“ beschreibt.

Das Schlimmste in Bir­kenau seien laut Fran­cuz nicht Kälte und Hun­ger, son­dern die Ein­sam­keit ohne die Fami­lie gewe­sen, denn in den Bara­cken herrsch­ten grau­same Bedin­gun­gen: Die Men­schen schlie­fen „über­ein­an­der gesta­pelt“ und ohne Decke auf dem Beton­bo­den. Außer­dem litt er unter der Schi­kane des „Blo­ck­äl­tes­ten“, einem Häft­ling, der für die Ord­nung und Sau­ber­keit in der Bara­cke zustän­dig gewe­sen war, in sei­nem Fall ein pol­ni­scher Häft­ling. Der Blo­ck­äl­teste stahl den ande­ren Insas­sen das Essen, um sel­ber bes­ser zu leben; auch Hen­ryk Fran­cuz wurde täg­lich sei­ner klei­nen Por­tion Mar­ga­rine beraubt.

I was the only one who did not step out.“

Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung und Erfah­rung als Elek­tri­ker wurde Fran­cuz in ein Außen­la­ger – Ausch­witz Fürs­ten­grube – gebracht. Am Anfang machte Fürs­ten­grube einen bes­se­ren Ein­druck als Bir­kenau, da die Bedin­gun­gen ihm zunächst erträg­li­cher erschie­nen. Man ließ ihn andere Klei­dung für die Arbeit anzie­hen, um ihn vor den nas­sen Wän­den der Mine zu schüt­zen, er konnte warm duschen und deut­sche Sol­da­ten von der Luft­waffe gaben ihm unbe­merkt etwas zu Essen. Doch auch in Fürs­ten­grube wur­den Häft­linge Opfer der SS. Fran­cuz war im Zuge einer Lager-Aktion, bei der alle jüdi­schen Insas­sen des Außen­la­gers ermor­det wur­den, nur knapp dem Tode ent­ron­nen, da er sich nicht als Jude zu erken­nen gab.

The ship began to explode, and fire…and ever­y­thing was fly­ing around.“

Fran­cuz blieb bis zur kom­plet­ten Räu­mung des gesam­ten Lager­kom­ple­xes am 18. Januar 1945. Dann ging er mit etwa 1000 Häft­lin­gen am so genann­ten „Todes­marsch“. Schon auf der ers­ten Etappe, die Fran­cuz nach Dora-Nordhausen führte, wo er von Februar bis März in unter­ir­di­schen Ein­rich­tun­gen beim Bau der V1– und V2-Raketen Zwangs­ar­beit leis­ten musste, ver­starb rund die die Hälfte der Häft­linge des Mar­sches an Hun­gers­not und Kälte. Wegen der näher rücken­den Roten Armee wur­den Fran­cuz und die wei­te­ren Über­le­ben­den zunächst in Züge und dann auf eine Fähre ver­frach­tet und leg­ten anschlie­ßend noch eine Weg­stre­cke von 40–50 km zu Fuß bis nach Ahrens­bök bzw. Siblin zurück.

Von Siblin aus ging es dann Ende April 1945 über Pönitz und Süsel nach Neu­stadt in Hol­stein, wo Fran­cuz schließ­lich am drit­ten Mai auf den ehe­ma­li­gen Luxus­damp­fer Cap Arcona kam.

Die Bom­bar­die­rung des Schif­fes über­lebte er, obwohl er nicht schwim­men konnte, indem er sich an einer Holz­planke fest­hielt. Erst am Abend wurde er von einem bri­ti­schen Boot in den Hafen trans­por­tiert und ver­brachte die Nacht in einem Spei­cher am Neu­städ­ter Bahn­hof. Wegen der Ver­bren­nun­gen, die er sich bei der Flucht von dem bren­nen­den Schiff zuge­zo­gen hatte, musste er zehn Tage im Kran­ken­haus bleiben.

There are things that are more uni­ver­sal than the nar­row per­spec­tive of the good of a nation.“

Hen­ryk Fran­cuz blieb bis zum Som­mer 1947, begann sogar ein Stu­dium, das er nach sei­ner Rück­kehr nach Polen been­dete. Dort lernte er dann auch seine Frau Dorota ken­nen, die bereits im sel­ben Ghetto wie er gewe­sen war, und zog im Mai 1957 mit ihr nach Israel. 1987 emi­grierte er nach Washing­ton, wo er fünf Jahre wohnte und sein Sohn Michael gebo­ren wurde. 2012 und 2016 erin­nerte er auf den Gedenk­fei­ern zur Kata­stro­phe in der Lübe­cker Bucht an die Lei­den der Häft­linge und rich­tete einen wich­ti­gen Appell an die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen: „Lasst es nicht wie­der geschehen.“

Im Som­mer 2017 ver­starb er in Tel Aviv.

Impres­sio­nen vom Projektablauf