Flex­Pro­jekt Cap Arcona 2019

Auch in die­sem Jahr beschäf­tigte sich eine Pro­jekt­gruppe des Küs­ten­gym­na­si­ums Neu­stadt mit einem der Über­le­ben­den der Kata­stro­phe in der Lübe­cker Bucht. Im Rah­men der Erstel­lung eines Bei­tra­ges für die Cap Arcona Gedenk­feier am 3. Mai ging es um Willi Neu­rath, des­sen v.a. poli­tisch geprägte Wir­kungs­ge­schichte vor und nach dem Unter­gang der Schiffe die Gruppe ebenso inter­es­sierte wie die schick­sal­hafte Lie­bes­ge­schichte um ihn und seine Frau Eva.

Als Grund­lage der Nach­for­schun­gen, die wie­der unter der Lei­tung von Tho­mas Käper­nick von der Arbeits­ge­mein­schaft Neu­en­g­amme erfolg­ten, dien­ten dies­mal neben Brie­fen, die Willi Neu­rath an seine Fami­lie und vor allem seine Frau aus dem KZ Buchen­wald schrieb, auch Berichte und Texte sei­nes Soh­nes, Bruno Neurath-Wilson, mit dem die Pro­jekt­gruppe im Anschluss an die Gedenk­feier sogar noch ein tol­les Gespräch füh­ren konnte.

I. Willi Neu­rath wird am 22.08.1911 als Sohn eines Buch­dru­ckers in Erfurt gebo­ren. In den 20ern tritt er der KPD bei. Zeit­le­bens macht sich Willi Neu­rath aber seine eige­nen Gedan­ken und lässt sich so nie direkt par­tei­po­li­ti­schen Ideen zuordnen.

Nach Abschluss einer Lehre zum Buch­bin­der fin­det er zunächst keine Anstel­lung und wen­det sich ver­stärkt der Poli­tik zu. Seine Haupt­auf­gabe besteht nun darin, wei­tere Mit­glie­der für die Par­tei zu gewin­nen. Dafür bil­det er sich wei­ter, indem er die PartwIeischule der KPD in Laichin­gen bei Solin­gen besucht.

Auch nach der Macht­über­nahme durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 setzt er sich trotz der vie­len Ver­haf­tun­gen von Par­tei­mit­glie­dern wei­ter­hin aktiv für seine poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen ein und wird 1935 wegen „Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat“ zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, die er in den Anstal­ten Sieg­burg, Ester­we­gen und Vechta ableistet.

Nach Ent­las­sung aus der Haft wird Neu­rath schon drei Jahre spä­ter erneut auf­ge­grif­fen und zunächst in das Unter­su­chungs­ge­fäng­nis Köln-Klingelpütz ver­bracht. Hier quält ihn u.a. die stän­dige Unge­wiss­heit über sein wei­te­res Schick­sal. Der Gedanke einer mög­li­chen Inhaf­tie­rung beglei­tet ihn die gesamte Zeit über, wobei er mit die­sem allein gelas­sen wird. Seine ein­zige Hoff­nung sind die Briefe und Besu­che sei­ner Frau und sei­ner Fami­lie. Auf die war­tet er aber vergebens:

 „Ich kann euch in die­sem Brief auch noch keine nähe­ren Mit­tei­lun­gen machen, denn ich warte selbst mit hei­ßem Her­zen auf einen Ent­scheid der höhe­ren Behörde. In der Hoff­nung, dass euch die­ser Brief recht bald errei­chen wird, sei er euch ein ers­tes Lebens­zei­chen von mir. Nehmt es nicht für übel, wenn ich heute nur wenige Zei­len schreibe, aber das ist durch die Umstände hier bedingt, spä­ter werde ich wohl mehr schrei­ben kön­nen, wenn ich das Unglück haben und nicht zu euch zurück­keh­ren kann.“ [Brief an seine Frau Eva und seine Eltern; die Zitate wur­den leicht bearbeitet]

Aus die­sen Aus­schnit­ten eines von ihm geschrie­be­nen Brie­fes an seine Frau und Eltern wird auch klar, dass auch die Fami­lie sich stets in Unge­wiss­heit über den Zustand ihres Man­nes oder Soh­nes befand.

II. Wäh­rend sei­ner Haft­zeit in Vechta freun­det sich Willi mit einem Mit­häft­ling an, der ihn darum bit­tet, nach Ende der Haft­strafe sei­ner Frau in Köln eine Bot­schaft zu über­brin­gen. So kehrt Neu­rath nach sei­ner Ent­las­sung nach Köln zurück, um der Bitte nachzukommen.

Dort lernt er auch die Stief­toch­ter des Kame­ra­den, Eva, ken­nen und sie ver­lie­ben sich inein­an­der. Anschlie­ßend hei­ra­te­ten die bei­den am 24. Okto­ber 1942.

Dann jedoch wird er 1943 wie­der ver­haf­tet und in das KZ Buchen­wald gebracht. Wäh­rend die­ser Zeit hal­ten die Ehe­leute Brief­kon­takt; Willi schreibt ihr jeden Sonn­tag. Um sie zu schüt­zen und um ihr keine Sor­gen zu berei­ten, erwähnt er in sei­nen Brie­fen nichts von den men­schen­un­wür­di­gen Ver­hält­nis­sen im Lager:

 „Du brauchst dir um mich auf alle Fälle keine Sor­gen zu machen, mir geht es nach wie vor gut, ich bin gesund und wohl­auf, abge­se­hen von einer klei­nen, aber wich­ti­gen Klei­nig­keit – eben dir, mei­ner Mutsch – fehlt mir nichts.“ […] 

Oft und oft, Mutsch, bin ich bei dir und begleite dich durch dein schwe­res Leben. Schön wäre es, wenn dir gelänge, noch ein­mal nach Memel ver­setzt zu wer­den, dann wür­dest du doch nicht so ganz alleine unter frem­den Men­schen sein. Hof­fent­lich gelingt es dir.

Anders als noch in der Unter­su­chungs­haft sind Besu­che von Ange­hö­ri­gen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern grund­sätz­lich nicht gestat­tet. Und den­noch kund­schaf­ten Eva und ihre Mut­ter die Bewa­chung aus, indem sie sich als Spa­zier­gän­ge­rin­nen aus­ge­ben. Dabei stel­len sie fest, dass einer der Wachen Litau­isch spricht, die Mut­ter­spra­che von Eva.

Mutig wagen sie das Außer­ge­wöhn­li­che: Eva spricht den Wäch­ter auf Litau­isch an und sagt ihm, dass sie in das Lager wolle, um ihren Ehe­mann zu spre­chen — und das mit Erfolg: Sie kann Willi tat­säch­lich für einige Minu­ten sehen.

Im Som­mer 1944 wird Neu­rath dann in das KZ Neu­en­g­amme ver­legt. Ab die­sem Zeit­punkt ver­liert Eva den Kon­takt zu ihm und weiß nicht mehr, wo er gefan­gen gehal­ten wird. Von dort wird er schließ­lich Ende April mit sei­nen Mit­häft­lin­gen auf die Cap Arcona ver­bracht. Eine Mög­lich­keit der Kon­takt­auf­nahme mit sei­ner Frau oder gar ein Wie­der­se­hen scheint somit aus­ge­schlos­sen. Doch auch Eva, die in der Zwi­schen­zeit als Mari­ne­hel­fe­rin ein­ge­setzt ist, wird im Zuge der Auf­lö­sung der deut­schen Marine in den letz­ten Kriegs­ta­gen nach Neu­stadt beor­dert und in der U-Boot-Schule ein­quar­tiert. Als am 3.Mai 1945 die Royal Air Force die Schiffe bom­bar­diert, kann sie natür­lich nicht wis­sen, dass sich ihr Mann auf der „Cap Arcona“ befin­det, wird jedoch von einer gro­ßen Unruhe getrieben.

Die große Kata­stro­phe, die sich im Laufe des Tages auf der Ost­see vor Neu­stadt abspielt, erle­ben die bei­den schließ­lich aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. In einem Brief, den Willi 1947 an die Witwe eines beim Angriff umge­kom­me­nen Mit­häft­lings und Kame­ra­den schreibt, berich­tet er von den schreck­li­chen Ereignissen:

Lange waren wir nicht auf dem Schiff und dann ereilte uns unser Unglück. Am 3. Mai 1945 wur­den unsere Schiffe mit­tags um 14.45 Uhr von eng­li­schen Bom­ben­flug­zeu­gen ange­grif­fen. Und das war der Tod von 7500 Häft­lin­gen. Hilf­los waren wir dem Feuer– oder Was­ser­tode aus­ge­lie­fert. Tau­sende spran­gen ins Was­ser und ertran­ken und Tau­sende kamen in den Flam­men um. Es war furcht­bar, so furcht­bar, dass es kaum mit Wor­ten zu erzäh­len ist.“

Willi über­lebt, weil er sich in dem gro­ßen Chaos, das auf der bren­nen­den Cap Arcona herrscht, auf das Vor­schiff ret­ten kann. Dort wird er am Ende des Tages von bri­ti­schen Sol­da­ten geret­tet und ver­bringt die Nacht zum 4. Mai am Strand von Neustadt.

Am nächs­ten Mor­gen geht Eva zum Strand, wieso weiß sie auch nicht. Dort kommt ihr ein Mann ent­ge­gen, ver­dreckt, ver­rußt, ver­wun­det – völ­lig unkennt­lich. Sie will ihn pas­sie­ren, doch der ver­meint­lich Fremde geht direkt auf sie zu und spricht sie mit ihrem Kose­na­men an. Es ist Willi. Vor Schreck fällt sie in Ohnmacht.

 

III. Nach 1945 blei­ben Willi und Eva Neu­rath noch ein paar Jahre in Neu­stadt. Er arbei­tet als Ange­stell­ter bei der Stadt­ver­wal­tung und küm­mert sichwII mit eini­gen Kame­ra­den um die Ber­gung der Opfer der Kata­stro­phe und die Anlage des Cap Arcona Mahn­mals. Spä­ter enga­giert er sich im Kie­ler Innen­mi­nis­te­rium für die poli­ti­schen Wie­der­gut­ma­chungs­fälle. Damit hat er seine ehe­ma­li­gen Haft­ka­me­ra­den auch nach­träg­lich unter­stüt­zen können.

IV. Nach­dem wir uns nun zwei Tage mit den Brie­fen und Berich­ten von und über Willi Neu­rath beschäf­tigt haben, ist uns klar gewor­den, was für ein beson­de­rer Mensch er gewe­sen sein muss. Wir haben uns gefragt, was das Schick­sal die­ses Men­schen uns heute bedeu­ten kann. Hier ist unsere Antwort:

Wir bewun­dern Willi Neu­rath für seine Stärke und seine Hart­nä­ckig­keit, seine Tap­fer­keit, sein Pflicht­be­wusst­sein und sein Mit­ge­fühl. Wir fin­den es bemer­kens­wert, dass er sich trotz der so ver­häng­nis­vol­len und tra­gi­schen Erleb­nisse nicht in sei­nem Wir­ken beein­flus­sen las­sen hat und dass er ande­ren wei­ter­hin half.